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Gedanken zum Evangelium - 5. Fastensonntag

Immer noch etwas weiter

Paulus hat in seinem Leben ein klares Ziel. Dass es leicht zu erreichen wäre, glaubt er nicht. Stattdessen schreibt er: „Ich strecke mich nach dem aus, was vor mir ist“. Eremitin Maria Anna Leenen erklärt, was das aus ihrer Sicht bedeutet.

Evangelium

In jener Zeit ging Jesus zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.

Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen.

Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Johannesevangelium 8,1–11

Mit Paulus und der Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Philippi kann Maria Anna Leenen eine ganze Menge anfangen. Seit dreißig Jahren lebt sie als Einsiedlerin. Mit dieser Lebensform will sie Jesus näherkommen. Paulus sagt: „Nicht, dass ich es schon erreicht hätte.“ Die Eremitin sagt: „Es geht immer weiter. Jede Erkenntnis führt zu einer neuen Erkenntnis.“

Wie bei Paulus war das nicht von Anfang an ihr Weg. Sie strebte lange nach anderen Dingen. „Mein Leben war pures Abenteuer“, sagt sie über ihre Zeit mit Mitte zwanzig. Leenen liebte „Partys mit lauter Musik und Alkohol“, wie sie heute sagt. Auch im Alltag lief alles bestens: „Ich war sehr erfolgreich, habe ein gutes Einkommen gehabt, habe viele Sportarten ausprobiert“, erzählt sie.

Damals arbeitete sie auf einer Wasserbüffelfarm in Südamerika. Jesus überraschte sie, während sie ein Buch las. Darin stand: Jesus Christus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben. Damals habe es richtig laut geknallt in ihr, erzählt sie. Nach vier Sekunden wusste sie: „Diesen Jesus, den muss ich unbedingt haben.“ Aber „wie kriegt man den?“, fragte sie sich. Von Beten, Meditieren oder Gottesdienst hatte sie keine Ahnung, denn religiös war sie nicht. Doch ihr bisheriges Leben war in diesem Moment zu Ende. Was sie tat, hatte jetzt keinen Wert mehr.

Heute, vier Jahrzehnte später, hat sie „die Sicherheit, dass jemand mich mit einer nicht vorstellbaren Liebe geschaffen hat und liebt“, sagt sie. Und diese Erkenntnis will sie „um nichts in der Welt eintauschen“. Wenn Paulus sagt, „dass er von Christus Jesus ergriffen worden“ ist, kann sie dem nur zustimmen.

Seine frühere Lebensweise nennt der Apostel in der Lesung „Unrat“. Leenen formuliert es nicht so. Aber auch für sie waren das, was ihr damals wichtig war, „Dinge, die mich nicht zum Lebensglück gebracht haben. Flüchtiger Spaß.“

Um Jesus auf die Spur zu kommen, ist Leenen Mitte der 1980er Jahre nach Deutschland zurückgekehrt und in ein Klarissenkloster eingetreten. Aber dass sie noch nicht am Ziel war, spürten ihre Mitschwestern. Sie sagten ihr, sie habe so etwas Eremitisches. Also trat sie bei eremitischen Klarissen in Österreich ein. Nach zwei Jahren sagte Leenen sich: „Das ist so ungefähr das, was ich will, aber noch nicht ganz.“

Und gründete ihre eigene Einsiedelei. Die ersten zehn Jahre lebte sie in einer Hütte. Weil die zuletzt einsturzgefährdet war, musste sie dort ausziehen. Ihr neues Zuhause wurde vor über zwanzig Jahren ein alter Hof nördlich von Osnabrück. Dort hat sie die Klause Sankt Anna eingerichtet. Das Bauernhaus ist jetzt ihr Wohn- und Arbeitsraum. Aber es enthält auch eine Kapelle, in der viele Menschen Platz finden, wenn Leenen zum Gottesdienst einlädt. Als Autorin von religiösen Büchern und Texten verdient sie ihren Lebensunterhalt.

In der Klause Sankt Anna will sie „diesen Jesus immer noch tiefer kennenlernen“, sagt sie. Jesus sei für sie die absolut faszinierendste Gestalt der Menschheitsgeschichte und zugleich die rätselhafteste. „Und da immer noch tiefer hineinzukommen, das ist das, wonach ich mich ausstrecke.“

„Es geht im Glauben immernoch eine Spur umfassender“

Das Sich-ausstrecken, von dem auch Paulus spricht, ist für Leenen eine Lebenshaltung, die den ganzen Tag bestimmt. Sie drückt sich aus in der Gebetsweise der 68-Jährigen. Denn ob sie Kartoffeln schält, im Supermarkt einkauft, den Stall ausmistet, ein Buch weiterschreibt oder betet, immer hat sie einen Satz aus der Bibel dabei. Sie wiederholt ihn im Geist, ohne zu sprechen und im Rhythmus des Ein- und Ausatmens. Ihr Satz ist seit fast 30 Jahren immer der Gleiche: „Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters“ – übrigens auch eine Stelle aus Paulus‘ Brief an die Philipper. „Das ist so ein bisschen wie ein Medikament oder ein Tropf“, sagt Leenen. Man bekomme immer wieder eine kleine Portion, die nach und nach den ganzen Menschen mit Glaubensgewissheit und Freude durchdringe, sagt sie. So wie der Atem einen mit Sauerstoff sättigt.

Der Sieg, den Paulus in seinem Leben erringen will, den sieht sie auch. „Das Ziel ist natürlich der Himmel, die ewige Gemeinschaft mit Gott, wo es keine Schwierigkeiten mehr gibt, nur noch Glück“, sagt Leenen. Erreichen werden wir die Gemeinschaft mit Jesus erst mit dem Tod. Aber, sagt sie, „ich habe den Punkt gefunden, von dem ich mich ausstrecke. Meine Lebensform als Eremitin ist sozusagen der Ausgangspunkt.“

Der Weg ist nie zu Ende. Selbst nach jahrzehntelangem eremitischen Leben sagt Leenen: „Es geht im Glauben immer noch eine Spur umfassender.“ Das bedeutet für sie nicht, etwas grundlegend zu verändern. Es heißt vielmehr, immer wieder etwas zu entdecken, das ihr bisher verborgen blieb. Das passierte zum Beispiel, als sie in die Klause Sankt Anna eingezogen ist. In der Hütte, in der sie bis dahin wohnte, hatte sie fast gar keine Außenkontakte, außer wenn sie zur Messe oder einkaufen ging. Der Ort war sehr abgelegen.

Die Klause Sankt Anna liegt dagegen näher an Dörfern. Als sie einzog, spürte sie, dass es richtig ist, die totale Zurückgezogenheit aufzugeben. Nicht weil sie einsam gewesen wäre, sondern weil ihr klar wurde, dass Menschen zu ihr kommen möchten. Denn die sind keineswegs nur neugierig, wie Leenen klar wurde, vielmehr suchen sie bei ihr Unterstützung für ihren Glauben. Damals fing sie an, geistliche Begleitung anzubieten. „Das war nichts Neues“, sagt sie, „aber eine Vertiefung dessen, was Christus als Gottes- und Nächstenliebe bezeichnet.“ Und ein weiterer Schritt auf dem Weg zu ihrem Ziel.

Barbara Dreiling